In einem neuen Interview mit der Journalistin Ulrike Stockmann äußert sich Thilo Sarrazin zu den Thesen seines umstrittenen Buches „Deutschland schafft sich ab“, das erstmals 2010 veröffentlicht wurde. Seinen Rückblick auf die Entwicklungen der vergangenen Jahre fasst er prägnant zusammen: „Alles kam noch schlimmer.“ Diese Neuauflage, die den Untertitel „Die Bilanz nach 15 Jahren“ trägt, zieht nicht nur Bilanz, sondern wirft auch einen kritischen Blick auf die deutsche Migrations-, Sozial- und Bildungspolitik, die Sarrazin bereits in seinem Bestseller angeprangert hatte. Der ehemalige Finanzsenator von Berlin ist 1945 in Gera geboren und wuchs in Recklinghausen auf, bevor er Volkswirtschaftslehre in Bonn studierte.
Sein Buch wurde zum meistverkauften deutschen Sachbuch seit 1945 und löste eine leidenschaftliche Debatte über Integration und Migrationspolitik in Deutschland aus. [Achgut] berichtet, dass Sarrazin für seine Thesen sowohl Zustimmung als auch heftige Kritik erfuhr. Politische Agitationen führten sogar dazu, dass einige Politiker seinen Ausschluss aus der SPD forderten. Während seine Befürworter ihm eine Stimme in der Integrationsdiskussion geben, wurde er von anderen, darunter viele Journalisten, als Rassist bezeichnet und seine Ansichten stark kritisiert.
Kritik an Sarrazins Thesen
Die Argumente Sarrazins wurden von verschiedenen Seiten als problematisch eingeschätzt. Simone von Stosch analysiert auf tagesschau.de, dass seine Behauptung, viele Zuwanderer aus der Türkei würden unverlässlich Hartz-IV-Leistungen beziehen, als falsch eingestuft wird. Faktisch sei die Quote türkischstämmiger Migranten, die auf diese Leistungen angewiesen sind, nicht höher als bei anderen Migranten. Dies wird in einem umfassenden Kontext betrachtet, der auch die überdurchschnittliche Bereitschaft türkischstämmiger Migranten zum Unternehmertum in den Blick nimmt.
Erhebliche Differenzen zeigen sich auch im Bildungsbereich. Sarrazins Anmerkungen, dass muslimische Migranten ein geringeres Bildungsniveau aufweisen, werden von Fachleuten als nicht haltbar erachtet. Statistiken belegen, dass beispielsweise 15,2 % der Zuwanderer aus Iran, Afghanistan und Irak einen Universitäts- oder Fachhochschulabschluss haben, was über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung liegt. Dennoch reduziert Sarrazin komplexe soziale und ökonomische Faktoren auf genetische Erklärungen. Kritiker wie Martin Spiewak bezeichnen seine Schlussfolgerungen als eine Mischung aus Wahrheiten, Halbwahrheiten und Unsinn.
Folgen für die Gesellschaft
Die Kontroversen um Sarrazins Thesen und deren gesellschaftliche Relevanz sind offensichtlich. Die Debatte hat nicht nur die politische Landschaft gespalten, sondern auch zur Bildung eines gesellschaftlichen Phänomens geführt: dem sogenannten „Wutbürger“. Dies wird durch die verweilende Empfindung vieler Menschen verstärkt, die an der traditionellen Migrationspolitik und den Konsequenzen für die Gesellschaft zweifeln. Während Sarrazin selbst seine Kritiker vehement zurückweist, fordern Stimmen wie die von Necla Kelek, ernsthafte Diskussionen über seine Thesen und den Umgang mit Migration in Deutschland.
Die thematisierten Themen um Zuwanderung, Bildung und Integration reichen tief in die Struktur der Gesellschaft hinein und verdeutlichen, dass die Auseinandersetzung mit solchen Positionen von zentraler Bedeutung für den gesellschaftlichen Diskurs ist. Ob als alarmistisch oder als scharfsinnige Analyse wahrgenommen, Sarrazins Buch bleibt ein gravierendes Beispiel für die Herausforderungen, mit denen Deutschland in der Migrationsdebatte konfrontiert ist.